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Buchsbaumzünsler droht alles zu vernichten

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An dem Tag, an dem ich beschloss nicht mehr ein Ironblogger zu sein.

Es war der 9. August 2019. Meine etwas dahindörrende Hälfte einer Buchsbaumkugel wirkte sehr kahl. Ob es wohl ein Pilz ist, dachte ich noch. Ich sah keine Fraßspuren und keine Raupen – da war ich fest der Meinung, dass es nicht der Buchsbaumzünsler sein kann. Dieses Insekt ist der gefürchteteste Tod einer Buchspflanze. Vielleicht ist es ja der Pflanze sogar egal, dass sie leiden wird. Doch mir als Gärtnerin eben nicht.

Nun ja – ich streichelte noch die Kugel, dachte noch sie wird sich erholen. Doch zwei Tage später sah ich, dass auch die andere Hälfte dieses Buchsbaumarrangements, zwei halbe Ovale zu einem Herz formiert, plötzlich eine bräunliche Färbung der Blätter anzeigt. Genau angeschaut und nun gesehen, dass es doch dieses Insekt ist, das mich zur Massenmörderin macht. Diese Rolle werde ich übernehmen ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Buchsbaumzünsler-Plage hat viele der schönsten barocken Gärten im süddeutschen Raum vernichtet. Formschnitt, Figuren, geometrische Formen – alles war mit dem kleinblättrigen Buchs möglich ist nun entsorgt worden, verbrannt worden. Zurück bleibt ein Fragezeichen, wie geht es weiter. Und keine Ahnung warum ich so naiv war zu glauben, dass meine vielen Buchskugeln verschont bleiben. Nun – der Schock sitzt tief. Als ich jede der zig Kugeln inspirierte, sah ich Raupen und Eiergelege der Falter. Teilweise diese hässlichen Gespinste, die sofort dazu verleiten den ganz Busch unter Feuer zu setzen. Eckelig.

Nach Pfingsten hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Doch die Pflanzen erholten sich wieder gut. Jetzt wirkt der Befall gravierender als damals. Ich schaute die schöne Buchslandschaft an und mir kamen die Tränen. In wenigen Tagen könnte alles kahlgefressen sein, wenn diese winzigen Raupen zu fressen beginnen. Das Herz schmerzte.

Jeder Busch wurde von mir selbst groß gezogen. Fast immer von mir zweimal im Jahr frisiert. Und das soll alles vorbei sein. Unfassbar.

Sechs Kugeln habe ich vor zwanzig Jahren gekauft von einem älteren Herrn nahe Augsburg. Er lebte wie ein Eremit zwischen all seinen vielen selbst großgezogenen Buchs. Er schnitt seine hunderte von Pflanzen alle zwei Monate. Wenn er den letzten Buchs gerundet hatte, fing er wieder von vorne. Wir gruben damals die sechs unterschiedlichen Kugeln aus. Sie waren damals noch tragbar und luden sie in das Auto. Dieser ältere Herr konnte alle Rilke Gedichte auswendig, so war mein Eindruck. Er antwortete ganz bescheiden, es seien viele Gedichte, Verse, aber nicht alle. Weiter erzählte er mir, welche Rilke-Symposien er überall besuchte und mit welchen Forschern von Rilke er Kontakt hatte. Ich hatte es damals nicht aufgeschrieben, doch ich sehe heute noch das Leuchten in seinen Augen, wenn er von Rilke Verse, Texte vortrug auf dem Feld inmitten von hunderten von Buchskugeln in verschiedenen Größen. Er starb wenige Jahre danach. Sein Feld wurde verkauft an eine große Münchner Baumschule. Als ich von seinem Tod erfuhr ging ich wieder bewußt zu den Pflanzen, streichelte sie und dachte: Diese Buchs haben ihn persönlich kennengelernt.

Zwanzig Jahre ist es her. Mittlerweile wurden aus diesen sechs Kugeln immer wieder Ableger, neue Pflanzen gezogen, gepflegt, gesetzt. Da stecken tatsächlich viele Erinnerungen. Sie wuchsen, wurden größer. Einen einzigen Buchs verlor ich letztes Jahr. Er stand nach dem Urlaub genauso verdorrt da, wie die Buchs-Herzchenhälfte. Ob es schon damals der Zünsler war, ich wußte es nicht. Ich gab ihm sechs Monate Zeit wieder etwas Grünes zu zeigen, doch es kam nichts mehr. Er wurde dann verbrannt.

Eine Pflanze verloren in so vielen Jahren und nun … wir werden sehen.
Jedenfalls verwendete ich einige Stunden um jeden Ast und jedes Blättchen der Pflanze so genau und gleichmässig mit einem Bakterium zu bespritzen und zu hoffen, dass den Raupen zum Kotzen schlecht wird und sie niemals wieder ein Buchsbaumblättchen essen wollen. Ich werde also noch nicht aufgeben. Trotz Regen und Lieferungsverzögerungen des Bakteriums – ich bleibe weiter dran. Vielleicht hat diese Aktion nichts gebracht, weil der Regen alles wegwusch.
Jedenfalls ist es nicht mehr sicher, dass ich wöchentlich einen Blogbeitrag schreiben will. Ich wünsche mir, dass meine Buchskugeln wieder fit werden. Falls sie doch sterben, werde ich eine Trauerphase brauchen. Mein Garten hat die nächsten Wochen Vorrang.

2 Kommentare

  1. Hab auch keinen Buchs mehr. Weil ich nicht gifteln will. Vielleicht gibt es irgendwann resistenten Buchs, ist meine Hoffnung. Für die Barocken Gärten ist der Zünsler natürlich ein Jammer.

    • Danke für Deine Sätze, das Bakterium, dass die Raupen nicht vertragen scheint zu wirken. Natürlich denke ich darüber nach, ob ich giftle oder ob ich nur dazu beigetragen habe, dass diese an den Darmproblemen verendet sind. Und ich denke auch darüber nach, wenn es resistenter macht. Den Buchs oder den Zünsler. Soll die Pflanze sterben oder der Zünsler … das frage ich mich, wenn jeden Zweig bewege. Einfach so aufgeben will ich nicht.

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