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Besuch der Villa Reitzenstein Stuttgart

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Die Villa wurde 1910 in der Gänseheide in Stuttgart erbaut. Im Park kann zum Fernsehturm geblickt werden und auf die Landeshauptstadt, die sich im Tal ausbreitet. In der Villa Reitzenstein residiert der Ministerpräsident des Bundeslandes Baden-Württemberg. Und auch das Staatsministerium ist seit 2016 im nahegelegenen neu gebauten modernen Bau, dem Eugen-Bolz-Haus, untergebracht.

Doch zurück zur Geschichte der Villa Reitzenstein. Gebaut hat sie Helene von Reitzenstein. Sie war einer der beiden Töchter des Buchverlegers und Multiunternehmers Eduard von Hallberger, der auch die Deutsche Verlagsanstalt gründete.  Geboren ist sie 1853. Mit 23 Jahren heiratete sie den fünf Jahre älteren preußischen Rittmeister Carl Friedrich Freiherr von Reitzenstein. Ob es der Adelstitel war oder der Wunsch nicht mehr bei den Eltern leben zu müssen. Sie war sehr reich, reicher als ihr Ehemann und doch war es eine unglückliche und kinderlose Ehe. Carl Friedrich starb am Roulette-Tisch in Baden-Baden. Mit 43 Jahren wurde sie Witwe. Sie macht das Beste aus dieser Zeit und reiste. Ihre Freundin Charlotte, zweite Frau des Königs von Württemberg war elf Jahre jünger. Nach einer Weltreise entschloss sich Helene auf der Gänseheide zu bauen. Damals galt guter Geschmack und der beste Blick über den Talkessel erstrebenswert und weniger der Protz und Pomp. Wer heute im Park der Villa Reitzenstein steht kann ahnen, wie grün von Wald und Wiesen gesäumt sich damals der Ausblick ausbreitete.

Helene von Reitzenstein beauftragte die zwei Architekten Schlösser und Weirether. Die jungen Architekten sollten Reisen und den besten Plan mitbringen. 1910 wurde die Villa gebaut. Der Stil eher klassizistisch, dem höfischen Baustil zugewandt als nach den Trends der Zukunft orientiert. Im nachhinein erzählen die mittlerweile berühmten Architekten vom Auftrag ihres Lebens. Helene von Reitzenstein hatte auch die Idee mit ihrer verwitweten Freundin Königin Charlotte von Württemberg in der Villa zusammen zu leben. Das hatte allerdings Charlotte nie vor. So verlor auch Helene das Interesse an der Villa und verkaufte sie.  1925/1926 verkaufte sie die Villa für einen Siebtel der ursprünglichen Baukosten, so die Überlieferung. Helene von Reitzenstein zog nach Darching am Starnberger See und kehrt nie wieder lebend nach Stuttgart zurück.

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Der zweite Staatspräsident von Württemberg, Johannes von Hieber kaufte also das repräsentative Haus und so begann die Ära der Villa Reitzenstein als Sitz von Staatsmännern und Ministerpräsidenten. Die berühmte Bibliothek galt viele Jahre als der schönste Raum und diente für besondere Gäste um wichtige Gespräche zu führen.

Politisch gesehen haben die Gemäuer der Villa Reitzenstein viel erlebt. Das von der Erbauerin eingerichtete Raucherzimmer hatte bei seiner Renovierung vor wenigen Jahren eine dicke Schicht Ruß an den Wänden angesammelt. Bei der Generalsanierung wurden die originalen Wandvertäfelungen mit ihren feinen Holzintarsia sowie den eingearbeiteten Perlmutfiguren vom Ruß befreit und somit wieder sichtbar.

Nach dem aufrechten Staatsmann Eugen Bolz folgte der skrupellose Wilhelm Murr. Es folgt die Zeit der NSDAP. Neun Ministerpräsidenten ab 1952 sind seither in der Villa Reitzenstein tätig gewesen. Aktuell ist es Minister Wilfried Kretschmann. Die Villa Reitzenstein wurde von 2012 bis August 2015 generalsaniert und das ehemalige Gebäude für das Staatsministerium wird abgerissen und das Eugen-Bolz-Haus errichtet. Der Park der Villa Reitzenstein wird im Frühjahr/Sommer für 14 Samstage den Bürgern eröffnet. Im August 2015 bezieht der Ministerpräsident die Büroräume in der Villa Reitzenstein. Am 18. November 2015 wird die Villa Reitzenstein eröffnet. Das neue Büro- und Kantinengebäude wird im April 2016 bezogen.

Zurück zu den Räumlichkeiten. Ein Blick in das Gobelinzimmer. Die drei wertvollen Wandteppiche wurden von Helene von Reitzenstein gekauft und stellen Frühling, Sommer sowie Herbst und Winter dar. Herbst und Winter ist übrigens auf einem Wandteppich abgebildet. Dieser Raum diente als Speisezimmer. Bei der Renovierung wurde die Decke mit einer lichtgebenden Kassettendecke ausgestattet, so dass er mittlerweile als ein heller Besprechungsraum genutzt wird.

In der Empfangshalle sind schon viele wichtige Persönlichkeiten empfangen worden wie Wladimir Putin, Jassir Arafat oder der Dalai Lama.

Auffallend im blauen Saal ist die Wandtapete und der Kronleuchter aus wertvollem Muranoglas.

Weiterhin sind an den Wänden die Porträts der Ministerpräsidenten angebracht. Lothar Späth, Erwin Teufel, Günther Oettinger. Oettingers Porträt wurde am 26. Januar 2016 enthüllt. Es zeigt links neben seinem Kopf ein Einschlussloch. Die Künstlerin Anke Doberauer möchte es als Hinweis auf das kriegerische Jahr 2015 sehen. Oettinger kommentierte es spontan mit „Tatort Baden-Württemberg“.

Empfangssaal der Villa Reitzenstein

Empfangs- und Ordenssaal der Villa Reitzenstein

Detail der Wandtapete im Blauen Saal der Villa Reitzenstein

Detail der Wandtapete im Blauen Saal der Villa Reitzenstein

Bibliothekssaal Villa Reitzenstein

Bibliothekssaal Villa Reitzenstein

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Kabinettsaal Villa Reitzenstein

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Porträt von Minister Günther Oettinger

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Detail Wand Holzintarsien Villa Reitzenstein

Buchtipp: Wer mehr über die Villa Reitzenstein, ihre wechselvolle Geschichte, Anekdoten der Staatsmänner und Ministerpräsidenten lesen möchte, empfehle ich das Buch „Die Villa Reitzenstein – Macht und Mythos“ von Thomas Borgmann empfohlen. (ISBN 978-3-8425-1446-1)

Ort: Villa Reitzenstein, Eingang Richard-Wagner-Straße 15, 70184 Stuttgart

 

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