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Ungarn – Hirtenmuseum im Hortobágy Nationalpark

Der Hortobágy Nationalpark (Hortobágyi Nemzeti Park) ist mit über 810 Quadratkilometer der größte Nationalpark Ungarns. Er wurde 1973 gegründet und 1999 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Das Besucherzentrum im Dorf Hortobágy ist ideal um weitere Informationen zu erhalten. In benachbarten Gebäuden sind die Kunsthandwerkerhöfe, das Hirtenmuseum, das Handwerkermuseum ein Gasthaus und auch Markstände für Souvenirs untergebracht. Folgt man der Hauptstraße, überquert man die legendäre neunbogige Steinbrücke. Angeblich soll man drüberlaufen und man verjüngt sich 9 Jahre. Habs probiert. Hat sich glaube ich nicht viel geändert.

Wer an Ungarn denkt, denkt meist an unendliche Weiten, flaches Grasland, Pferde- und Viehherden sowie Ziehbrunnen in der Landschaft und an die folkloristischen Tänze. Einiges dieser Romantik wurde im Hirtenmuseum etwas zurecht gerückt.

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ein präpariertes Mangalica (Wollschwein)

Die klassischen ungarischen Nutztiere sind die Pferde, das Graurind, die Zackel- und Rackaschafe sowie das Mangalica (Wollschwein). Bedingt durch die großen Weideflächen wurden die Tiere in Herden gehütet. Zwischen den Hirten gab es eine strenge Hierarchie: der Pferdehirte (Csikós) hatte die höchste Anerkennung, gefolgt vom Rinderhirten (Gulyás), dem Schäfer (Juháse) und zuletzt der Schweinehirte (Kondós). Auch heute noch gibt es noch Hirten in der Puszta, die die Herden vom Sankt Georgstag (April) bis zum Katharinentag hüten. Doch anders als heute lebten die Hirten in der Puszta nicht mehr in Zopfhütten aus Schilf, der ihnen als Schutz gegen den immer vorhandenen Wind diente. Heute gibt es einen Schichtbetrieb, so daß drei Hirten sich eine Woche aufteilen.

In der Weite der Grassteppe waren die Ländereien eingeteilt. Jedes Gebiet hatte seinen Ziehbrunnen, um die Tiere mit Wasser zu versorgen. Historischen Quellen deuten auf Viehtriebe ab dem 14. bis zum 19. Jahrhundert hin. Mit der rasanten Entwicklung der Städte in Nürnberg und Augsburg, Ulm und weiteren Städten im süddeutschen Raum entstand großer Hunger in der Bevölkerung, der mit Hilfe der Graurindherden aus Ungarn gestillt wurde. Das Graurind war ein Exportschlager. Die Rinder verloren auf dem langen Weg kaum an Substanz und das Fleisch galt als Leckerbissen. In den 60er Jahren lebten nur noch wenige Graurinder in Ungarn. Einigen engagierten Tierzüchtern ist es zu verdanken, dass die Rasse nicht ausgestorben ist. Heute leben wieder 25.000 Graurinder im Nationalpark Hortobágy.

Hätten Sie es gewußt? Die Ungarische Post oder der Puszta-Fünfer, wie es spektakulär auf touristischen Prospekten gezeigt wird, ist nicht aus der Tradition der Pferdehirten entstanden. Sondern, ein österreichischer Maler namens Ludwig Lieb malte einen Reiter stehend auf zwei Pferden, davor drei weitere Pferde. Dieses Bild erst weckte den Ehrgeiz der ungarischen Pferdehirten dieses waghalsige Reiterkunststück zu beherrschen.

Das Kunststück, dass das Pferd die umkreisende knallende Reitpeitsche ertragen mußte hatte realen Bezug. Damit wurden die Tiere daran gewöhnt bei Pistolenschüssen nicht zu erschrecken. Der Peitschenknall erinnert an einen Schuss. Nützlich war das Kunststück, dass sich ein Pferd flach auf den Boden legen kann. Damit konnte sich Pferd und Reiter in der flachen Tiefebene etwas verstecken.

Pfingstkönig ist eine alte Tradition, die auch in Hortobágy am Pfingstsamstag zelebriert wird. Die Reiter zeigen ihr Können und der Gewinner wird ein Jahr im nahen Gasthaus freigehalten. Unter anderem versuchen Reiter einem ausgewählten Kollegen ein Tuch oder ähnliches im rasanten Galopp zu entreißen. Eine besondere Technik braucht es mit der Peitsche einen Gegenstand exakt zu treffen. Eine Teildisziplin ist in vollem Galopp mit einem gefüllten Glas zu reiten. Gewinner ist, wer am wenigsten verschüttet hat. Die Kunststücke sind vielfältig und bringen den Zuschauer immer wieder zum Erstaunen.

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So sah eine Zopfhütte aus einer Art Schilfgras. Die Hütte bot Schutz vor Wind und war oben geöffnet, so dass der Rauch des Feuers abziehen konnte.

Hirtenmuseum-04-Hortobagy Der Filzmantel des Hirten war je nach Reichtum und Rangordnung aufwendig bestickt. Dagegen bestand der Alltagsmantel aus dem Fell eines Zackelschafes. Auch am Hut konnte genau erkannt werden, aus welcher Region der Träger kommt und welchen Rang er hat. Der Hut musste so stabil gefilzt sein, dass der Hirte darauf stehen konnte. Ein solcher Hut schützte auch vor Stockschlägen. Die Hirten hatten zudem sehr aufwendig geschnitzte Werkzeuge.

Übrigens: die Familie des Hirten wohnte im Dorf. Ein Oberhirte hatte ein Stück Land und Tiere für den Notfall. Zusammen mit seinen Hirten betreute er einen Bezirk in der Puszta in dessen Zentrum bis zu vier Brunnen standen und Wasser für bis zu 1000 Rindern bot. Die Rinder werden dreimal am Tag getränkt, daraus ergibt sich ein Hütegebiet mit cirka 5 Kilometer Radius.

 

Hirtenmuseum-01-HortobagyHerzlichen Dank an László Lisztes, der uns die Geschichte der Hirten mit seiner Person und seinem Wissen interaktiv wiederbelebt hat.

Link zum Hortobágy Nemzeti Park

Ort: Hortobágy Nationalpark, Petöfi tér 9, 4071 Hortobágy

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