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Paradise Lost – Ausstellung Museum Villa Rot

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PRfoto Heiko-Roith Amusement Park Prypjat 2015 – Farbfotografie®

Wie groß ist doch die Sehnsucht nach paradiesischen Zeiten. Wie oft vergessen wir, dass wir in einem Paradies sind. Wie schnell ignorieren wir, dass wir das eigene Paradies sehr strapazieren oder gar zerstören. In der zeitgenössischen Kunst des 21. Jahrhundert geht es oft „um die Welt an sich“.

Die Ausstellung „Paradise Lost“ ist wieder gefüllt mit Gedanken, Ansichten, Wissenswertes zum Thema Natur und der gesellschaftliche Umgang damit. Gefühlter Schwerpunkt ist die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 30 Jahren. Eine Führung wahrzunehmen bringt Mehrwert.

Die Ausstellung zeigt Fotografien, Objekte, Filme und Installationen, die einen Blick in Naturräume gibt, die oft ignoriert, vergessen oder mittlerweile nicht so einfach zugänglich sind.

Ilkka Halso zeigt in seinen großen Fotografien 125×210 cm, wie im Hochregallager einzelne Sträucher und Bäume stehen. Die Ware Wald wartet auf ihre Auslieferung im Hochregallager? Die Bilder sehen natürlich aus auf den ersten Blick, doch auf den zweiten Blick erschließt sich das Surreale. Die Natur wird Museum, Ort des Events. Sehnsucht nach Naturerlebnis.

Gabriele Sturm bezieht in ihren Arbeiten die Naturgeschichte ein. In ihrer Arbeit „Moskitonetz“, auf das sie auf hauchdünnem Papier gemalte Schmetterlinge applizierte, weckt die Frage was vor wem geschützt werden muss. Ein ambivalentes Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation. Eine wissenschaftliche Langzeitstudie, die sich mit dem Schmetterlingssterben und auch der Veränderung der Population in den Zentralalpen befasste, führte zu den visuellen Objekten, die in der Ausstellung gezeigt werden. Der radioaktive Niederschlag vom 1. Mai 1986 hat zu Veränderungen im Kokonbau der Falter und Schmetterlinge geführt, dies ist ebenfalls mit zwei Objekten veranschaulicht.

Mia Grau und Andree Weissert haben eine Edition von 19 Schmucktellern geschaffen. Porzellanteller mit blauem Druck, dem Delfter Blau. Damals waren es landschaftsprägende Windmühlen, die Symbol  für Heimat, technologischen Fortschritt sowie als Zeichen für Wachstum und Unabhängigkeit standen. Grau und Weissert haben auf diesen Schmucktellern Atomkraftwerke gemalt. Gehören sie auch der Vergangenheit an? Werden sie die Folklore von Morgen sein? Atomteller.

Die Ausstellung wurde konzipiert von Museumsleiterin Stefanie Dathe, um an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (26. April 1986), die sich zum 30. Mal gejährt hat, zu erinnern. Das Unglück in Fukushima (11. März 2011) liegt fünf Jahre zurück.

Die Fotografien von Heiko Roith sind eindrücklich. Er reiste viermal zwischen 2014 und 2015 zum Unglücksort. In der Sicherheitszone liegt auch die Stadt Prypiat, die 1986 als modernste Stadt in der Ukraine galt. Seine Bilder verdeutlichen, wie schnell die Menschen das Gebiet verlassen mussten ohne zu ahnen, dass sie nicht mehr zurückkehren werden. Wenn sie es geahnt hätten, wären bestimmte Gegenstände nicht liegen geblieben. Eine Puppe liegt noch im Raum. Da die nukleare Katastrophe alle Bakterien zerstört hatte, wirkt es unverändert. Das abgefallene Laub der Bäume liegt noch, da es mangels Mikroben nicht zersetzt wurde. Das Plakat der Ausstellung zeigt ein Riesenrad in einem Vergnügungspark. Der Park stand kurz vor der Eröffnung, doch dann kam der Supergau und die Zeit blieb stehen. Verlorenes Paradies. Übrigens ist geplant, dass eine Million Besucher diesen Ort im Jahr besuchen dürfen. „Dark Tourism“ wird diese Reise- und Schaulust von Urlaubern in Katastrophenorte bezeichnet. Ein neuer Trend. Der Nuklearstaub, der noch liegt oder sich um Gegenstände angesammelt hat, kann versehentlich beim Vorbeigehen aufgewirbelt werden. Alles andere als gesund.

Ausstellung noch bis 16. Oktober. Führungen nach Vereinbarung sowie Öffentliche Führungen, Sonntags um 14 Uhr.
Ort: Museum Villa Rot, Schlossweg 2, 88483 Burgrieden-Rot

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