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Campus Galli

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Es stimmt. Immer wieder gelesen und mittlerweile selbst den Campus Galli in Oberschwaben besucht. Selbst gesehen, gespürt, wie es sich anfühlt mit Hilfsmitteln aus dem Mittelalter eine Stadt zu bauen. Ach und das mit dem „Entschleunigen“ – selbst erlebt. Mein Versprechen gilt wiederzukommen, um zu sehen wie es weitergeht auf der Klosterbaustelle Campus Galli nahe Meßkirch (Messkirch).

Der Bau des Klosterkomplexes ist auf 40 Jahre projektiert. Start war im Juni 2013. Seit vier Jahren sind Gebäude und Hütten auf dem Gelände entstanden. Zäune für die Tiere, Kräutergarten, Mauern für Fundamente und auch der Friedhof. Die Handwerker arbeiten in ihren Hütten. Die Kirche steht, der Altar ist bereit und es wird im Innenraum geschnitzt und verziert. Gearbeitet wird mit den Möglichkeiten der damaligen Zeit. Das Holz stammt aus dem umliegenden Wald. Er wird gefällt und weiterverarbeitet. Für die Seilherstellung braucht es die Pflanzen, aus deren Fasern das Seil gedreht wird. Für den Hunger von Mensch und Tier werden Pflanzen angebaut, Landbau wie damals. Geerntet wird mit eigener Körperkraft und viel Handarbeit. Die Tiere werden gehütet. Es ist ein Nachdenken: Was war zuerst da? Wie kann ich es so einfach wie möglich machen?

Kirche auf dem Campus Galli

Die Fortpflanzung der Tiere muss beachtet werden. Das überlebensfähige Schwein im Wald braucht im Gegensatz zu heute längere Beine und ein anderes Fell. Folglich sind die Nachwuchswünsche des Menschen, wie die Haustiere besser und länger im Wald leben können anders als es heute. Feuer ist Element um Nahrung zuzubereiten. Der Schmid braucht Feuer um Werkzeuge herzustellen.  Ohne Feuer ist vieles nicht handwerkbar. Feuer wird mit Feuerstein und dem erzeugten Funkenflug entfacht.

Zwanzig Orte, Stationen gibt es auf dem Campus Galli: Schreiner, Hühnerstall, Gemüse- und Obstgarten (im Bau), Korbflechter, Töpfer, Schmid, Kräutergarten, Bienen, Drechsler, Ziegen/Schafe, Schweine, Seiler, Schindelmacher, Weberei, Färberei, Marktplatz (Tipp die karolingische Wurst war lecker), Steinmetz, Holzkirche, Acker und Hülbe.

Entschleunigt oder gelassener wurde ich, weil ich immer wieder feststellte. Es geht nicht schneller. Eins nach dem anderen. Viele Schläge mit der kleinen Axt sind notwendig, bis aus dem Holzstam ein Balken wird. Oder es Geduld und Genauigkeit braucht bis die Ornamente feinsäuberlich geschnitzt sind. Viel Zeit braucht es bis alle Schindeln für ein Dach hergestellt sind. An unserem Besuchstag war es sommerlich warm. Wieviel kann gearbeitet werden bei Dauerregen? Zwangspause? Wenn es dunkel wird, dann ist Feierabend. Es ist nicht mehr möglich weiter zu drechseln, wenn das Licht fehlt. Kein Strom, keine Solaranlage, kein LED-Licht, kein dieselangetriebenes Notstromaggregat. Feierabend. Das HANDwerk hat einen ganz anderen Stellenwert.

Feuermachen im Campus Galli

Dabei darf nicht vergessen werden, dass im Mittelalter vieles erfunden, geplant und auch umgesetzt wurde. Der Klosterplan wurde auf der Insel Reichenau von Mönchen gezeichnet, geplant war er für St. Gallen. Dazu kam es in diesem Fall nie. Der Plan verschwand, weil die Rückseite mit einer anderen Geschichte beschrieben wurde. Mit Papier wurde im Mittelalter sparsam umgegangen. Eher zufällig wurde der Plan entdeckt und es war ein großer Zufall, dass der Standort für die Klosterstadt im oberschwäbischen Meßkirch angesiedelt wurde. Bert M. Greuten hatte ein Jahrzehnt lang unermüdlich für diese Idee, den Bau der Klosterstadt eingesetzt und nach einem Standort gesucht. 2013 ging dieser Traum in Messkirch in Erfüllung.

Kurzum, die Beharrlichkeit dieses Projekt mit den vorgegebenen Mitteln zu schaffen ist staunenswert. Die Tatsache, dass Ehrenamtliche ihre freie Zeit auf dem Campus zu verbringen um in dieser Kargheit sich an die alten Fertigkeiten heranzuwagen, sich darin zu üben ist stark. Selbst die angestellten Handwerker arbeiten ungewohnt auf diese mittelalterliche Weise.

Weitere Informationen sind auf der Homepage Campus Galli

Link zu einem SWR-Beitrag in der Mediathek über Campus Galli

Öffnungszeiten: vom 1. April bis 5. November, von 10 bis 18 Uhr
Ort: Sechs Kilometer außerhalb von Meßkirch,
direkt an der Bundestraße B313. Anschrift: Hackenberg 92, D-88605 Meßkirch

GPS-Koordinaten: 48.033°N, 9.109°E

Übrigens die Stadt Meßkirch, der oberschwäbische Geniewinkel, ist ebenfalls ein Besuch wert.

 

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2 Kommentare

  1. „Der Bau des Klosterkomplexes ist auf 40 Jahre projektiert“
    Mittlerweile auf 60-80 Jahre, weil die usrprünglichen Schätzungen unrealistisch waren. Aber man benötigte eben unbedingt die Fördergelder …

    „Das Holz stammt aus dem umliegenden Wald. “
    Nur ein Teil. Viel Holz wird auch von Landesforsten per LKW angeliefert. Und die Steine kommen aus einem Steinbruch, wo man sie mit Maschinen abbaut.

    „Der Schmid braucht Feuer um Werkzeuge herzustellen. “
    Nur einen Teil des Werkzeuges hat man selbst hergestellt. Viel wurde auch schon fertig eingekauft.

    „Entschleunigt oder gelassener wurde ich, weil ich immer wieder feststellte. Es geht nicht schneller.“
    Doch, es ginge schon. Und man würde auch gerne. Aber es fehlt am Geld bzw. an festangestellten Profi-Handwerkern.

    Campus Galli, das ist leider mehr Schein als Sein.

    • Guten Tag Hartmut,
      ich werde nachhacken bei Campus Galli. Im Gespräch mit den Mitarbeitern oder Ehrenamtlichen stellte sich heraus, dass aufgrund heutiger rechtlicher Bestimmungen so manches improvisiert werden musste. Zum Beispiel die Schweine brauchen zwei Umzäunungen. Auch die Axt war wohl nicht handgemacht. Im Gespräch wird deutlich, dass es immer wieder ein Abwägen ist wie die Arbeiten bewerkstelligt werden. Beim Schmid gab es eine Feuerstelle. Ich kann aus Ihrem Satz: … mehr Schein als Sein nicht herauslesen, ob es eher Frust, Traurigkeit oder eine eher negative Kritik sein soll. Jedenfalls wird vor Ort klar, dass es Menschen gibt, die an der Idee mitwirken. Auch die Bewirtung für die Besucher … es muss nach heutigem Standard das Essen zubereitet werden. Selbst zu hören, weshalb es nicht so geht, setzt ein Auseinandersetzen mit der damaligen Zeit voraus. Neulich sprach ich in einem anderen Zusammenhang mit einem Zimmermannsmeister, der sich dafür einsetzt und das Wissen an die nächste Generation weitergeben möchte, wie es geht einen Balken aus einem Baumstann ohne Säge herzustellen. Obwohl Profi sind die alten Techniken nicht zwingend bekannt. Die Besucherzahlen empfand ich an dem Tag überraschend gut und auch im Gespräch mit Besuchern stellte sich heraus, dass diese schon mehrere Male auf dem Campus waren. Mein Eindruck war, das Projekt ist auf einem guten Weg.

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